Vergiss Mejn Nicht: September

Eva P. *1963, eine Tochter, Literaturübersetzerin

Bis Sommer 1983 in Prag gelebt, 1981 Abi, 1982 Studium Karls-Universität Übersetzer/Dolmetscher Deutsch/Englisch

Obwohl ich in der Tschechoslowakei im gewissen Sinne zu den Privilegierten gehörte (mein Vater war Militärarzt, ich habe eine Schule mit erweitertem Fremdsprachenunterricht besucht und wurde auch später zum Studium zugelassen), mochte ich das System nie. Ich mochte den Orwellschen Dublespeak nicht, den man seit der Grundschule pflegen musste, wenn man nicht auffallen wollte; ich fand die aufoktroyierten Meinungen furchtbar, die Denkbarrieren, Bücher auf dem Index, Zensur nicht nur auf dem Papier, sondern auch im Kopf. Wir haben gelernt auswendig zu lernen und Fakten herunterzuleiern, aber selbständiges Denken hat man uns nicht beigebracht. Bis heute werde ich wütend, wenn ich an meiner alten Grundschule oder meinem Gymnasium vorbeigehe. Die Flucht war nicht geplant, sie hat sich ganz spontan während meines Urlaubs in Jugoslawien ergeben. Am slowenischen Bahnhof Nova Gorica über die Grenze nach Italien, von da aus via Schweiz nach Deutschland.

Nach Hamburg bin ich im August 1983 gekommen und es war eine Liebe auf den ersten Blick. Hamburg ist aber keine Stadt, die einen mit offenen Armen empfängt, sie hat schon etwas sehr kühles. Man muss kämpfen, um sich dort einen Platz zu verschaffen. Für mich war es damals in Ordnung; es passte irgendwie zu meiner Vorstellung vom Norden und vom Westen. Und ich war sehr fasziniert von der gelebten Demokratie und dem Selbstbestimmungswillen der Hanseaten. Von der Selbstverständlichkeit, mit der sie auf die Welt blickten, dort ihren Platz einnahmen. Das war für mich, die aus dem von Minderwertigkeitskomplexen beschlagenen Osten gekommen war, sehr interessant. Ich bin froh, in Hamburg studiert zu haben, dort meine Tochter zur Welt gebracht – und großgezogen zu haben. In den letzten Jahren wurde aber der Wunsch immer stärker, noch ein anderes Deutschland als das von Hamburg kennenzulernen – und so bin ich in diesem Jahr nach Berlin umgezogen.

Nach Prag bin ich das erste Mal 1990 zurückgekehrt: Damals fand ich es faszinierend, die verschiedenen Phasen des Umbruchs zu beobachten, neue Menschen kennenzulernen, dachte über eine Möglichkeit nach, das neue Land mitzugestalten. Zurück nach Prag wollte ich aber nicht. Also habe ich Literaturabende und Festivals organisiert – um die Kultur meines Heimatlandes in meiner Wahlheimat zu präsentieren. Und ich habe angefangen, selbst zu übersetzen: eine Zurückeroberung des Tschechischen – und eine Invasion ins Deutsche, die bis heute nicht ganz abgeschlossen ist.

Zukunftspläne? Sich keinem Land mehr verpflichtet zu fühlen: ob ich eine Tschechin oder eine Deutsche bin, spielt für mich keine Rolle. Vielleicht fühle ich mich deswegen in Berlin so wohl. Eine weiße Europäerin, das kann ich nicht leugnen. Also auch hier privilegiert. Aber meine Herkunft und mein Geschichtswissen machen mich für das Schicksal der anderen empfänglich.

Natürlich ist die Vergangenheit wichtig: Ich werde die Tschechin in mir (meinen Sinn für Humor, meine Sprachmelodie, meinen Satzbau und mein „ř“, meine Rührung beim Hören der tschechischen Hymne) nie los. Gleichzeitig bin ich aber nach 35 Jahren in Deutschland viel mehr eine Deutsche als eine Tschechin: meine Sozialisierung hat in Hamburg der 80er Jahre stattgefunden, mit meinen feministischen und multikulturellen Ansichten fühle ich mich in Prag eher unverstanden. Ich finde es sehr wichtig, dass meine Tochter weiß, woher ihre Mutter kommt – und dass sie meine Muttersprache gerne hört und gerne selber benutzt. Aber ich verlange nicht, dass sie ein Tschechien- Fan wird. Sie soll selbst sehen, was sie wo anspricht. Und vielleicht entdeckt sie irgendwann mal, dass ihr die Moldauschleife in Prag genauso wichtig ist wie mir der breite Elbstrom in Hamburg. Aber sollte sie sich für andere Landschaften begeistern – dann freue ich mich für sie.

Wo ich mich zu Hause fühle? Mein Traum wäre ein Landstrich, wo man je nach Gesprächspartner zwischen Tschechisch und Deutsch wechseln könnte. Eine solche Gegend gibt es aber leider nicht (mehr). Zu Hause fühle ich mich an Orten, wo eine Mehrsprachigkeit möglich ist, die keinen ausschließt und die für alle da ist. Wenn du kein Deutsch kannst, spreche ich Englisch oder Russisch mit dir, höre aber wahnsinnig gerne zu, wie du in einer anderen Sprache redest. Mein Zuhause ist Europa. (Kathi: für mich schönstes Zitat, aber ich kann mich schwer entscheiden:D)

Die heutigen Geflüchteten: Als ich 1983 nach Deutschland kam, hieß man die Tschechen mehr oder minder willkommen, sie wählten ja meistens später die CDU. Es wäre lächerlich zu glauben, dass alle nur aus politischen Gründen gekommen waren, damals. Und ist es so wichtig? Derjenige, der eine Flucht auf sich nimmt, der es schafft, sich im fremden Land zu behaupten, muss schon eine starke Persönlichkeit sein, eine Menge Mut und Intelligenz mitgebracht haben – und somit ist er doch auch für das Gastland ein Gewinn, oder? Die heutige ist Welt ist nun so (und wir, die weißen Europäer, haben nicht unwesentlich dazu beigetragen), dass es Landstriche gibt, wo man nicht überleben kann. Eine Flucht ist mehr als legitim. Und es ist kindisch zu denken, wir könnten die Ursachen bekämpfen, und die Leute vor unseren Toren stoppen. Das einzige, was wir selbst entscheiden können, ist, ob wir die Flüchtlinge zu unseren Freunden – oder zu unseren Feinden machen.

Mein Gegenstand: Sand aus dem Flussbett der Elbe im Riesengebirge, wo ich ein Drittel meiner Kindheit verbracht habe. Woher das Fläschchen kommt, weiß ich nicht mehr, an den Sand und daran, ihn getrocknet und in das Fläschchen gefüllt zu haben, erinnere ich mich schon. Es stand lange in meinem Prager Zimmer auf dem Bücherregal. Meine Mutter hat es mir später nachgeschickt. Die Elbe war – und ist – für mich ein unglaublich wichtiger Fluss, ein Ort, wo ich in Hamburg immer wieder zu mir finden konnte, mein tschechisches Ich – und mein neues Ich, das dem Fluss in die Nordsee und vielleicht noch weiter folgen möchte.

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