Seminar gegen Rechtsextremismus – Interview mit einem Teilnehmer

Vom 21. bis zum 24. Juni 2012 organisierte die Arbeitsgruppe Politische Bildung das Seminar „Rechtsextremismus – zwischen Kooperation und Konfrontation“.  (mehr hier)

Nach dem Seminar entstand dieses Gespräch mit dem Teilnehmer Filip aus Orlová im Nordosten Tschechiens:

Hallo Filip. Du warst ein Teilnehmer des Seminars der Arbeitsgruppe Politische Bildung des Deutsch-tschechischen Jugendforums. Thema des Seminares war Rechtsextremismus in Deutschland und in Tschechien. Kannst du etwas über deine Person erzählen?

Ich heiße Filip und bin Student im zwölften Schuljahr an einem Gymnasium in Orlová [dt. Orlau, Anmerkung des Fragestellers] , einer Stadt in der Region Mähren-Schlesien mit ungefähr 35.000 Einwohnern. Meine Geburtsheimat ist allerdings die Slowakei, ich wurde in Humenné [dt. Homenau, Anm. d. Fragestellers] geboren, einer Stadt im Osten der Slowakei. Mit acht Jahren bin ich in die Tschechische Republik umgezogen und dieses Jahr feiere ich das zehnjährige Jubiläum meines Aufenthaltes in der Tschechischen Republik. Ich interessiere mich vor allem für öffentliche Angelegenheiten – Politik auf kommunaler, regionaler und nationaler Ebene, Politologie als akademische Fachrichtung, Verfassungsrecht und für Länder Südostasiens.

Von Donnerstag, den 21. Juni bis zum Sonntag, den 24. Juni 2012 warst du einer von zehn tschechischen Teilnehmern des oben genannten Seminares. Wie bist du genau dazu gekommen?

Auf eine ganz interessante Art und Weise. Obwohl ich Mitglieder des Deutsch-tschechischen Jugendforums kenne (die Mitorganisatoren Prokop Šícha und Michael Borsky), bin ich durch das Internet auf das Seminar gestoßen, genauer gesagt im sozialen Netzwerk Facebook, wo ich den Flyer entdeckt habe. Ich habe mit der Anmeldung nicht gezögert, da mir die Problematik des Rechtsextremismus bekannt ist. In unserer Stadt kommt es zu sozialen Unruhen zwischen der aus Roma bestehenden Minderheit und der Mehrheitsbevölkerung. Ich selbst hatte die Möglichkeit, sechs Jahre in einem Roma Viertel zu leben, was eine übermäßig traurige Erfahrung ist. Raub und Versuche physischer Verletzung gehörten zur Tagesordnung. Auf der anderen Sache verursachen nicht alle Roma diese Probleme, ich werfe sie ungern alle in einen Topf. Mein Freund ist unter die Krallen einer neonazistischen Bande gekommen und das war für mich ein ungeheuerlicher Schock. Bis heute weiß ich nicht, was ihn dazu geführt hat, aber das Gefühl, dass in unserer Region etwas falsch ist, ist nicht einzelnstehend. Er ist ein Neonazi geworden, aber zum Glück hat er früh verstanden, was die Mitgliedschaft in einem solchen Gepräge bedeutet, und brach den Kontakt zu ihnen ab.

Du kamst also mit einem sehr betroffenen Hintergrund zum Seminar. Wie würdest du das Projekt zusammenfassen? Welche Erwartungen hattest du vor dem eigentlichen Projekt und wie haben sich diese erfüllt?

Ich wollte vor allem die Meinungen und Anregungen der anderen Teilnehmer hören, da die Meinungen anderer Leute nicht automatisch verurteilt werden sollen. Manchen stimmte ich nicht zu, auf der anderen Seite, wie Voltaire sagt: „Ich teile ihre Meinung nicht, aber ich werde bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen, dass sie ihre Meinung frei äußern können“. Die Vorträge und Diskussionen des Seminars habe ich als ziemlich gelungen empfunden. Trotzdem ist es schade, dass wir nicht mehr Raum für Diskussionen hatten, was ich sicherlich nicht dem Organisationsteam anlaste, aber nur als Tatsache konstatiere. Ich erlaube es mir, zu behaupten, dass das Seminar neue soziale Beziehungen zwischen den Teilnehmern hervorgerufen hat und zur kulturellen Bereicherung sowohl der tschechischen, als auch der deutschen Teilnehmer beigetragen hat. Ich persönlich hatte die Ehre, mich mit vielen neuen großartigen Leuten kennenzulernen, bei denen ich hoffe, dass der Kontakt zu ihnen auch in der Zukunft bestehen bleibt.

Am Seminar nahmen eben zehn Deutsche und zehn Tschechen teil, deren Mehrheit die jeweils andere Sprache nicht kennt. Gab es Probleme mit der Kommunikation oder wie habt ihr das gelöst? Wie bewertest du die Übersetzung der Vorträge der Experten? Und fällt dir etwas ein, was sich diesbezüglich bei weiteren ähnlichen Veranstaltungen verbessern kann?

Ich persönlich spreche kein Deutsch, auch wenn ich kürzlich begonnen habe, es zu lernen. Im Falle eines sprachlichen Hindernisses haben wir Englisch gesprochen, manchmal auch Französisch, wenn es nötig war. Die Übersetzung der Vorträge war professionell, auch wenn sie zur Verzögerungen der Diskussion führte, was natürlich klar ist. Persönlich bin ich gänzlich zufrieden mit dem Verlauf des Seminares.

Und wie gefiel dir die Wahl der Experten? Insgesamt hielten fünf Experten zu verschiedenen Themen ihre Vorträge. Was war für dich dabei persönlich interessant? Und welche Änderungen bezüglich der Experten würdest du vorschlagen, wenn du die Zeit zurückdrehen und die Organisatoren beraten könntest?

Die Vertreterin der Jüdischen Gemeinde Prag kam mir etwas problematisch vor, weil sie zeitweise in ihrem Vortrag gekämpft hat, was mich persönlich gestört hat, da sie auf manche Fragen gar nicht antworten konnte. Dies ist allerdings meine Meinung, die ich niemandem aufzwingen will. Herr Braun ist ein hervorragender Sachkenner und trotz all der Schwerfälligkeit seiner Vorträge war ich mit dem Inhalt sehr zufrieden. Ich werde nicht alle Vortragenden charakterisieren, weil dies zu lange dauern würde, aber ich bin froh, dass wir die Möglichkeit hatten, mit ihnen zu kommunizieren, siehe Herr Klusák aus der [politischen] Initiative ProAlt.

Inwiefern motiviert dich das Seminar zu weiterem Engagement in der Thematik des Rechtsextremismus? Hast du vor, dich in der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit zu engagieren, zum Beispiel durch einen Beitritt in das Deutsch-tschechische Jugendforum, aus welchem dieses Seminar hervorging?

Ehrlich gesagt würde ich gerne dem Deutsch-tschechischen Jugendforum beitreten, auf der anderen Seite hindern mich zwei Faktoren daran: ich spreche kein Deutsch und finanziell würde ich das Reisen und Übernachten in Prag wahrscheinlich nicht schaffen [die Funktionsweise des Jugendforums wurde nach dem Interview erklärt, Anm. d. Fragestellers]. Auf der anderen Seite würde ich mich gerne extern an der Arbeit des Forums beteiligen und ich würde auch gerne mit einzelnen Seminarteilnehmern zusammenarbeiten. In der heutigen Zeit ist es bedeutend, gegen Rechtsextremismus zu kämpfen. Aber der Kampf gegen Linksextremismus ist ebenso bedeutend. Alles, was extremistisch und antihumanitär ist, ist mein Feind.

Filip, vielen Dank dafür, dass du dir Zeit für dieses Gespräch genommen hast. Für die Zukunft wünsche ich alles Gute und ich freue mich auf weitere Treffen, sei es im Rahmen eines Projektes des Deutsch-tschechischen Jugendforums oder im Rahmen weiterer Veranstaltungen!

(Das Gespräch wurde geführt von Michael Borsky)

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